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Geschichte

Entstehung des Politischen Nachtgebets

Das Politische Nachtgebet entstand als innovative gottesdienstliche Form im Umfeld der Studentenbewegung von 1968. Es zielte darauf ab, die strikte Trennung von Glaube und politischem Handeln aufzuheben. 

Historische Entstehung (1968)

  • Der Anlass: Die Tradition nahm ihren Anfang beim 82. Deutschen Katholikentag im September 1968 in Essen.
  • Initiatoren: Ein ökumenischer Arbeitskreis um die Theologin Dorothee Sölle, den damaligen Benediktinerpater Fulbert Steffensky sowie Marie Veit und Heinrich Böll wollte einen „politischen Gottesdienst“ feiern.
  • Namensgebung: Da die offiziellen Veranstalter des Katholikentags kritisch eingestellt waren, wiesen sie der Gruppe einen späten Termin um 23:00 Uhr zu – woraus sich die Bezeichnung „Nachtgebet“ ergab.
  • Erstes regelmäßiges Gebet: Am 1. Oktober 1968 fand das erste regelmäßige Politische Nachtgebet in der evangelischen Antoniterkirche in Köln statt, nachdem der Kölner Erzbischof die Nutzung katholischer Kirchen untersagt hatte. 

Zentrale Merkmale und Ziele

  • Gottesdienstform: Die Liturgie war dreiteilig aufgebaut: Information über einen politischen Konflikt (z. B. den Vietnamkrieg), Meditation und Diskussion mit anschließender Aufforderung zum Handeln.
  • Theologie: Dorothee Sölle prägte das Verständnis eines Gottes, der nicht als allmächtiger Lenker im Jenseits thront, sondern auf das Handeln der Menschen in der Welt angewiesen ist („Gott hat keine anderen Hände als die unseren“).
  • Kritik: Zu Beginn waren die Nachtgebete äußerst umstritten und wurden von kirchlichen Kreisen teilweise als „Götzendienst“ oder reine politische Kundgebung verurteilt. 

Bedeutung und Nachwirkung

  • Vorbildfunktion: Die Politischen Nachtgebete dienten als direktes Vorbild für die späteren Leipziger Friedensgebete ab 1982, die eine zentrale Rolle in der friedlichen Revolution der DDR spielten.
  • Heutige Form: Das Format wird bis heute in vielen Städten (z. B. in Salzburg) und bei Kirchentagen fortgeführt, um aktuelle Themen wie soziale Gerechtigkeit oder Klimaschutz liturgisch zu bearbeiten.